10. Oktober 2012: Wir haben Philadelphia gestern Abend verlassen, früher als ursprünglich geplant. Die Ausfahrt, d.h. die Fahrt den Delaware hinunter, in einer engen Fahrrinne in der Nacht, ist ein Schauspiel sondergleichen. Auf beiden Seiten die hell erleuchteten Städte, ein Blick zurück auf die Skyline von Philadelphia, und vor uns nur der schwarze Fluss mit roten Lichtern backbord und grünen Steuerbord markiert. Um das Schiff zu drehen, gibt es einen Lotsen, um es bis zur Flussmündung zu führen einen zweiten, diesmal ist eine Frau. Ich bleibe auf der Brücke, bis ich zu müde bin.

Etwas was ich vergessen habe, zu erzählen: bei der Einfahrt nach New York habe ich plötzlich Glocken gehört, und zwar hat des genau so getönt, wie früher, wenn man auf den Zug pressieren musste, wenn man bei Westwindlagen den Zweiklang der Stationsglocken von Steinmaur gehört hat. Ich dachte zuerst wieder, wie beim Amselgesang vor Gibraltar, ich hätte Halluzinationen. Ich fragte dann den Lotsen, ob in den Leuchtbojen, die die Einfahrt nach New York markieren, auch Glocken eingebaut sind, was er bestätigte. Das macht auch Sinn: bei dichtem Nebel hilft Ton besser als Licht. Ich habe dann genauer
hingeschaut und die Glocken gesehen.

Als ich in Philadelphia an Bord kam , nachdem ein extrem dicker und extrem unfreundlicher Amerikaner am Gate zum Terminal mir angedroht hat, dass der Transport zum Schiff – knapp 200 bis 300 m – 100 Dollar kosten würde, ich dann, ohne zu bezahlen, dann von einem wesentlich freundlicheren Sicherheits‐Mitarbeiter mit einem Bus für mich allein zum Schiff gebracht wurde und ich die Jakobsleiter hochgeklettert bin, begrüsst mich Pat an Bord. Pat – Patricia A. Buckley aus Ponte Vedra Beach, FL – ist eine bald 80 jährige Amerikanerin, die schon 70 Tage an Bord dieses Schiffes war und die noch bis Charleston an Bord bleiben wird.

Pat Buckley

11. Oktober 2012: Ruhige See, ruhiger Tag, angenehme Gesellschaft: ich habe Glück. Pat Buckley, von der Crew mit Grammie angesprochen, ist eine interessante Frau, die eine Rundreise gemacht hat. Sie ist – soviel ich weiss – in Savannah an Bord der BAHIA gegangen, bis Auckland NZ. Dann hat sie eine Rundreise in Neuseeland gemacht. In der Zwischenzeit hat die BAHIA Sydney und Melbourne angelaufen und auf dem Rückweg, ich glaube in Napier, Pat wieder mitgenommen. Sie hat an Bord ein Kochbuch geschrieben, war in ihrem Leben an verschiedenen Ort in der ganzen Welt und dementsprechend ganz unamerikanisch
gut informiert.

12. Oktober 2012: Am Morgen früh gehen wir in Charleston längsseits – ich hoffe, dass man das auf Deutsch auch so
sagt, auf Englisch heisst es „alongside“ (hoffentlich schreibt man das auch so) – und den ganzen Tag über wird entladen
und geladen. Pat geht hier von Bord. Schade: ich hätte sie noch gut ein Weilchen ausgehalten. Ich habe offensichtlich
Glück mit meinen Mitpassagieren. Ich habe mich vor zwei Jahren mit Leon sofort gut verstanden und hier
mit Pat.

Gerade beim Schiff hat die Seamans Mission einen Container aufgestellt, von wo die Seeleute, die Landgang haben, mit Bussen in die Stadt, d.h. in diesem Fall zu Wal‐Mart, gefahren werden. Im Container hat es Computer und Wifi und man kann Telephonkarten kaufen, alles um seine Kontakte mit wem auch immer zu pflegen. Ich lade mir die letzten paar Nummern der NZZ herunter und beantworte ein paar E‐Mails, auch an WSL‐Mitarbeiter, die etwas von mir wollen, obwohl doch eigentlich weitherum bekannt war, dass ich eine ganze Weile weg sein werde. Nun, etwas konnte ich liefern, anderes nicht, weil das Netz zu langsam ist.

Der Kapitän macht sich Sorgen wegen dem Wetter. Hier in Charleston ist es zwar schön warm mit einem strahlend blauen Himmel ohne Wolken. Am Abend zeigt er mir, was ihm Sorgen macht. Bei den Bahamas liegt ein Tief namens Patty (sic!), das genau auf unserem Kurs liegt und 6 bis 7 m hohe Wellen verspricht. Er hat ein Programm, das zweimal pro Tag mit Daten
des Deutschen Wetterdienstes aufdatiert wird, mit dem er die geplante Route, die zu fahrende Geschwindigkeit eingeben kann und dann sieht, wie wir voraussichtlich durch dieses Tief kommen werden. Er probiert verschiedene Varianten. Ganz erspart wird
uns die Schaukelei wahrscheinlich nicht, v.a. da wir jetzt wegen der zusätzlichen Ladung, die wir hier aufgenommen haben, mehr Tiefgang haben. Wir laufen am Abend aus

.

Das ist das Tief PATTY, durch das wir durchmüssen …

3. Oktober 2012: Dieser Tag war der Eisenbahn gewidmet. Bei Altoona PA muss die südliche Eisenbahn‐Hauptlinie von der Ostküste nach Chicago, jene der früheren Pennsylvania Railroad (PRR) die Alleghenny Mountains überqueren. Die erste Eisenbahn, die zu diesem Zweck gebaut wurde, tat dies mit Hilfe von Seilbahnabschnitten. Die heute noch benutze Linienführung wurde 1854 eröffnet. Das interessante daran ist die Linienführung, die ein Seitental des Haupttales verwendet, um an Höhe zu gewinnen. In diesem Seitental befindet ich die sogenannte Horseshoe Curve, die 1966 zum National Historic Landmark erklärt wurde. Da befinden sich ein Besucherzentrum und eine von POMA gebaute Standseilbahn, die zum Aussichtspunkt an der Strecke führt. Und dann muss man warten. Aber es hat sich gelohnt. Die Filmchen, die ich gemacht habe sind zu gross. Dafür hier ein Photo eines Ostwärts fahrenden Güterzuges mit über 100 Wagen.

Talwärts bzw. ostwärts fahrender Güterzug mit der Norfolk Southern und einer Union Pacific-Lokomotive, mit über 100 Wagen, in der Horseshoe Curve bei Altoona, PA

Technisches: Die Horseshoe Curve hat einen Radius von rund 190 m. Die Strecke hat eine mittlere Steigung von 17‰, in der Kurve selbst reduziert auf 14,5‰. Ursprünglich doppelspurig gebaut, 1898 und 1900 um je ein weiteres Gleis auf vier Spuren erweitert. Das vierte Gleis wurde 1981 wieder entfernt. Nachdem die Strecke zunächst durch die staatliche Auffanggesellschaft für die zusammengebrochene PennCentral, Conrail, betrieben wurde. Gehört sie heute, nach der Reprivatisierung von Conrail, der Norfolk Southern (NS). Heute wird sie täglich von ca. 60 Zügen durchfahren, wobei die Fahrten der rückkehrenden Schubhilfen nicht gezählt sind. 1904 waren es 168. Die Strecke wird auch vom AMTRAK‐Zug „Pennsylvanian“ New York – Pittsburgh befahren.

Das Ganze ist eingebettet in einer an sich wunderschönen Landschaft, die an den Jura erinnert. Die Bäume beginnen sich zu verfärben. Davon mehr, auch für Nicht‐Eisenbahnfreunde, im nächsten Beitrag.

Hier noch eine Bemerkung: Dieses Stück Eisenbahn‐Strecke ist seit 1966, wie oben erwähnt, ein „National Historical Landmark“, also ein Teil der nationalen Geschichte der USA. Kann man sich vorstellen, dass die Kehren bei Wassen, Faido, Giornico oder Blausee‐Mitholz ein ähnliche „Ehrung“ erhalten könnten, nicht nur, wenn gerade mal wieder ein Jubiläum ansteht. Die Albula‐ und Bernina‐Strecke der RhB sind zwar noch spektakulärer als die Gotthard‐ oder Lötschbergbahn, aber in Bezug auf die Geschichte der Schweiz, auf ihre Wirtschaft usw., müssten Gotthard und Lötschberg – Simplon die Nase vorn haben. Sie hätten eine solche Ehre verdient!

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