18.10.2012

Richtung Süden – Philadelphia–Charleston–Cartagena

10. Oktober 2012: Wir haben Philadelphia gestern Abend verlassen, früher als ursprünglich geplant. Die Ausfahrt, d.h. die Fahrt den Delaware hinunter, in einer engen Fahrrinne in der Nacht, ist ein Schauspiel sondergleichen. Auf beiden Seiten die hell erleuchteten Städte, ein Blick zurück auf die Skyline von Philadelphia, und vor uns nur der schwarze Fluss mit roten Lichtern backbord und grünen Steuerbord markiert. Um das Schiff zu drehen, gibt es einen Lotsen, um es bis zur Flussmündung zu führen einen zweiten, diesmal ist eine Frau. Ich bleibe auf der Brücke, bis ich zu müde bin.

Etwas was ich vergessen habe, zu erzählen: bei der Einfahrt nach New York habe ich plötzlich Glocken gehört, und zwar hat des genau so getönt, wie früher, wenn man auf den Zug pressieren musste, wenn man bei Westwindlagen den Zweiklang der Stationsglocken von Steinmaur gehört hat. Ich dachte zuerst wieder, wie beim Amselgesang vor Gibraltar, ich hätte Halluzinationen. Ich fragte dann den Lotsen, ob in den Leuchtbojen, die die Einfahrt nach New York markieren, auch Glocken eingebaut sind, was er bestätigte. Das macht auch Sinn: bei dichtem Nebel hilft Ton besser als Licht. Ich habe dann genauer
hingeschaut und die Glocken gesehen.

Als ich in Philadelphia an Bord kam , nachdem ein extrem dicker und extrem unfreundlicher Amerikaner am Gate zum Terminal mir angedroht hat, dass der Transport zum Schiff – knapp 200 bis 300 m – 100 Dollar kosten würde, ich dann, ohne zu bezahlen, dann von einem wesentlich freundlicheren Sicherheits‐Mitarbeiter mit einem Bus für mich allein zum Schiff gebracht wurde und ich die Jakobsleiter hochgeklettert bin, begrüsst mich Pat an Bord. Pat – Patricia A. Buckley aus Ponte Vedra Beach, FL – ist eine bald 80 jährige Amerikanerin, die schon 70 Tage an Bord dieses Schiffes war und die noch bis Charleston an Bord bleiben wird.

Pat Buckley

11. Oktober 2012: Ruhige See, ruhiger Tag, angenehme Gesellschaft: ich habe Glück. Pat Buckley, von der Crew mit Grammie angesprochen, ist eine interessante Frau, die eine Rundreise gemacht hat. Sie ist – soviel ich weiss – in Savannah an Bord der BAHIA gegangen, bis Auckland NZ. Dann hat sie eine Rundreise in Neuseeland gemacht. In der Zwischenzeit hat die BAHIA Sydney und Melbourne angelaufen und auf dem Rückweg, ich glaube in Napier, Pat wieder mitgenommen. Sie hat an Bord ein Kochbuch geschrieben, war in ihrem Leben an verschiedenen Ort in der ganzen Welt und dementsprechend ganz unamerikanisch
gut informiert.

12. Oktober 2012: Am Morgen früh gehen wir in Charleston längsseits – ich hoffe, dass man das auf Deutsch auch so
sagt, auf Englisch heisst es „alongside“ (hoffentlich schreibt man das auch so) – und den ganzen Tag über wird entladen
und geladen. Pat geht hier von Bord. Schade: ich hätte sie noch gut ein Weilchen ausgehalten. Ich habe offensichtlich
Glück mit meinen Mitpassagieren. Ich habe mich vor zwei Jahren mit Leon sofort gut verstanden und hier
mit Pat.

Gerade beim Schiff hat die Seamans Mission einen Container aufgestellt, von wo die Seeleute, die Landgang haben, mit Bussen in die Stadt, d.h. in diesem Fall zu Wal‐Mart, gefahren werden. Im Container hat es Computer und Wifi und man kann Telephonkarten kaufen, alles um seine Kontakte mit wem auch immer zu pflegen. Ich lade mir die letzten paar Nummern der NZZ herunter und beantworte ein paar E‐Mails, auch an WSL‐Mitarbeiter, die etwas von mir wollen, obwohl doch eigentlich weitherum bekannt war, dass ich eine ganze Weile weg sein werde. Nun, etwas konnte ich liefern, anderes nicht, weil das Netz zu langsam ist.

Der Kapitän macht sich Sorgen wegen dem Wetter. Hier in Charleston ist es zwar schön warm mit einem strahlend blauen Himmel ohne Wolken. Am Abend zeigt er mir, was ihm Sorgen macht. Bei den Bahamas liegt ein Tief namens Patty (sic!), das genau auf unserem Kurs liegt und 6 bis 7 m hohe Wellen verspricht. Er hat ein Programm, das zweimal pro Tag mit Daten
des Deutschen Wetterdienstes aufdatiert wird, mit dem er die geplante Route, die zu fahrende Geschwindigkeit eingeben kann und dann sieht, wie wir voraussichtlich durch dieses Tief kommen werden. Er probiert verschiedene Varianten. Ganz erspart wird
uns die Schaukelei wahrscheinlich nicht, v.a. da wir jetzt wegen der zusätzlichen Ladung, die wir hier aufgenommen haben, mehr Tiefgang haben. Wir laufen am Abend aus

.

Das ist das Tief PATTY, durch das wir durchmüssen …

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