13.08.2010

Transsibirischer Express Teil 1: Moskau-Irkutsk

Aus einem total verräucherten Moskau, abends um 21:00 noch 37°C am Jaroslawler Bahnhof, flüchten wir in einen Zug, der sicher den ganzen Tag an der Sonne stand und die Klimaanlage wird erst bei Abfahrt eingeschaltet. Unser Zug, der „Rossia“ Nr. 2 Moskau-Wladiwostok wird von einer Diesellok in sehr langsamem Schritttempo in den Bahnhof gezogen. Ich habe später gezählt: es sind 18 Wagen, die ab Moskau von einer Doppellok gezogen werden.

Auf dem Perron ein emsiges Treiben: da wird gereist und es

wird weit gereist. In unserem 1.-Klass-Wagen hat es eine kleine deutsche Gruppe, zwei deutsche Frauen, zwei Italiener und der Rest sind Russen. Die Vierbettabteile in den 2.-Klass-Wagen sind soweit ich es beurteilen kann, ziemlich voll. In jedem Wagen ist eine Schaffnerin (soweit ich gesehen habe, sind es ausschliesslich Frauen) verantwortlich. Sie kontrollieren Fahrkarten und Pässe samt Visa – ja, das Visum ist für genau diese Reise gültig – betreiben den Samowar und sorgen für Reinlichkeit, die in unserem Wagen wirklich gut ist. Der Zugchef ist ein Mann in einer gut sitzenden Uniform.

Unser Abteil hat zwei ziemlich schmale Betten, oder besser Liegestätten, ausgerüstet mit zwei Kissen, einem Leintuch, einer dünnen Decke und einer festen Steppdecke als Tagesüberwurf. Eine Wolldecke ist ebenfalls im Abteil vorhanden. Deren Verwendung kommt uns aber gar nicht nötig vor. Das ist unser Aufenthaltsort für vier Nächte.

Ziemlich pünktlich setzt sich der Zug ganz langsam in Bewegung und schon bald geht es zügig durch die östlichen Vororte Moskaus. Zunächst bringt das Klappfenster durch den Fahrtwind etwas Abkühlung, doch dann werden wir aufgefordert, es zu schliessen und tatsächlich funktioniert die Klimaanlage und mit der Zeit verschwindet sogar der auch im Abteil vorhandene Rauchgeruch. Nach einem Schlummerbier im Speisewagen – schön ausgestattet! – legen wir uns schlafen. Von den Waldbrandgebieten, die wir eigentlich mit dem Zug durchqueren, sehen wir nichts.

Während der Nacht hält Zug Nr. 2 in Waldimir (km 191) und Nižnij Nowogorod (für die Bahn: Gorki km 441). Den ersten Halt, den wir wahrnehmen, ist in Kirov (km 957). Kirov heisst heute eigentlich (wieder) Wjatka. Die Bahn RZD hält aber an verschiedenen Orten an den revolutionären Namen fest, z.B. auch in Ekaterinburg, das für die Bahn immer noch Swerdlovsk ist. In Kirov erleben wir zum ersten Mal das Ritual, das sich an fast allen Halteorten wiederholen wird. Frauen, meist ältere, aber auch einige jüngere, bieten alles Mögliche an: Zeitungen, Selbstgebackenes, Selbstgekochtes oder Gefangenes und Geräuchtes, Früchte, Beeren und sogar Arvenzapfen, manchmal sogar aufdringlich, v.a. bei zurzeit offensichtlich weniger gefragten Produkten wie Pelzmützen und Wolldecken und dergleichen.

George verpflegt sich weitgehend von Produkten, die er an den Bahnhöfen kauft, auch mit Samowar-Wasser anzurichtende Fertiggerichte. Ich ziehe die Verpflegung im Speisewagen vor, wo man zwischen acht verschiedenen Salaten, sechs Suppen und drei Hauptgerichten auswählen kann. Gemäss Speisekarte müsste die Auswahl grösser sein. Da diese aber ausschliesslich russisch ist und unsere Russisch-Kenntnisse ausserordentlich zu wünschen übrig lassen und vom Speisewagenpersonal fast ausschliesslich beherrscht wird, weiss ich nicht, ob das, was ich esse, das ist, was sie uns erklären können oder das, wozu sie tatsächlich Vorräte dazu haben. Während der ganzen Reise bis Irkutsk ist dasselbe Personal im Speisewagen und die Vorräte, die z.T. auch Sitzplätze belegen, schwinden, d.h. die Sitzplatzzahl nimmt zu. Das russische Bier ist aber ausgezeichnet und löscht den Durst perfekt.

Restoran in Rossia Nr. 2 Moskau-Wladiwostok

Bis gegen Abend sind wir noch in Europa. Die Fahrt geht je nach Gleiszustand zügig mit ca. 120, manchmal sogar 140 km/h, manchmal aber auch nur mit 70 bis 80 durch das leicht gewellte Gelände des europäischen Teils Russlands, vorbei an Dörfern mit häufig etwas schiefen, kleinen Holzhäusern, bei nassem Wetter bestimmt schlammigen Dorfstrassen und durch schöne Mischwälder. Nach Perm (km 1434) wird es dunkel und das Passieren der Grenze zwischen Europa und Asien bei km 1777 verschlafen wir.

In der Nacht haben wir Ekaterinburg (km 1815) und am frühen Morgen Tjumen (km 2144) hinter uns gelassen. Wir sind im West-Sibirischen Tiefland, das sich bis Omsk (km 2716) und Novosibirsk (km 3343) hinzieht. Topfebenen, vielfach sumpfiges Gelände, das nur mit wenigen Birkenwäldchen durchsetzt ist. Im Omsk überqueren wir den Irtysch, den wichtigsten Zufluss zum Ob, dem längsten Fluss Russlands. Den Ob überqueren wir am späten Abend dieses zweiten Tages in Novosibirsk.

Krasnojarsk (km 4104) erreichen wir im Laufe des Morgens des dritten Tages. Nach der Überquerung eines weiteren grossen sibirischen Flusses, des Jenissej, steigt die Strecke eine ganze Weile, um dann über ein weites Plateau, hier wieder durchsetzt mit schönen Mischwäldern und in grossen Abständen mit kleinen Dörfern. Gegen Abend erreichen wir Taischet (km 4522), den Anfangspunkt der Baikal-Amur-Magistrale BAM, die vielleicht auch noch einmal als Reiseprojekt in Frage kommt.

Nach einer weitere Nachtfahrt erreichen wir am frühen Morgen unsere zweite Etappe Irkutsk (km 5191), wo mir Tatjana und Lew, Freunde meines jetzt ehemaligen Kollegen (er ist gerade pensioniert worden) Werner Schoch, ein Bild von mir (woher hast Du das, Werner?) unter die Nase halten. Zum Glück können wir die Zimmer im Hotel (gegen Aufpreis) sofort beziehen und uns den Staub von vier Tagen endlich vom Leib waschen. Tatjana und Lew erwarten uns aber schon für den nächsten Akt.

Auf dieser ersten Transsib-Etappe haben wir 5191 km in 75,8 Stunden zurückgelegt. Das ergibt eine Reisegeschwindigkeit (Fahrzeit inkl. Aufenthalte) von 68,5 km/h. Die einzelnen Strecken zwischen zwei Halten liegen im Durchschnitt bei 179 km, wobei die über 300 km langen Teilstrecken ohne Halt vor allem im westlichen Teil liegen. Das entspricht einer mittleren Fahrzeit ohne Halt von 2,4 h; es gab aber auch zeitliche Etappen von über 5 h ohne Halt. Die mittlere gefahrene Geschwindigkeit liegt bei 72 km/h.

Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

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